Rezeption

Rezensionen in Zeitschriften

Interviews

Filme

Rezeption ab 2020


2020

Matthias Reichelt
Valdis Āboliņš, ein lettischer Exilant und linker Internationalist
in: punctummagazine / LV, 3.4.2020 (lettisch, deutsche Übersetzung erscheint demnächst im ND)

[...] Die Herausgeberin Ieva Astahovska hat sich mit Antra Priede-Krievkalne durch das Archiv aus Briefen, Texten und Zeichnungen gearbeitet und breitet Leben und Werk dieses hierzulande schon vergessenen Mannes aus. In mehreren Beiträgen erinnern sich Freunde und Begleiter an die illustre und einflussreiche Persönlichkeit. Barbara Straka, die ehemalige Präsidentin der Hochschule für Bildende Kunst Braunschweig, bezeichnet Āboliņš als ihren Mentor und rekapituliert ihre Zusammenarbeit mit ihm im RealismusStudio der NGBK. Die vielen Ausstellungen mit Kunst aus der UdSSR und Lettland wären – so Straka – ohne den Einsatz von Valdis Āboliņš überhaupt nicht möglich gewesen. [...]

Rezeption 2011 - 2019


2011 – 2014      (wird ergänzt)


2015


Ivonna Veiherte

Legendaru notikumu lieciniece Barbara Straka. 
Intervija ar makslas zinatnieci un kuratori no Berlines

In: Arterritory - Baltic, Russian and Scandinavian Art Territory (Riga/Latvia), 14.12.2015, www.artteritory.com



R.A.

Ein Schriftsteller mit Weltgeltung. 1. Internationaler Friedrich-Nietzsche-Preis an Martin Walser verliehen

In: bgzytig (Basel), Nr. 130/Dez. 2015


[...] Kurz vor 18 Uhr ist Martin Walser, einer der wenigen deutschen Schriftsteller der Gegenwart mit Weltgeltung (in Naumburg, B.S.), eingetroffen. [...] in dieser Runde: Prof. Dr. Andreas Urs Sommer, Direktor der Friedrich Nietzsche-Stiftung, Dr. Barbara Straka (Jurymitglied), die die Laudatio halten wird, Prof. Dr. Marco Brusotti, Vorsitzender der Nietzsche-Gesellschaft, Dr. Ralf Eichberg, Leiter des Nietzsche-Dokumentationszentrums, und Oberbürgermeister Bernward Küper. Und mittendrin auch Bürgerratspräsident Prof. Dr. Leonhard Burckhardt, der ein Grußwort an der Verleihung sprechen wird. Der neu geschaffene Internationale Friedrich-Nietzsche-Preis wird [...] in Zusammenarbeit mit der Stadt Naumburg, der Bürgergemeinde der Stadt Basel sowie der Nietzsche-Gesellschaft alle zwei Jahre verliehen und ist mit 15.000 Euro einer der höchstdotierten Preise für essayistische und philosophische Werke. [...]

           Nach der ergreifenden Laudatio von Barbara Straka ist der große Schriftsteller Martin Walser sichtlich gerührt und ringt nach Worten. Nach einer kurzen Pause sagt er: „Sie sehen mich jetzt in Verlegenheit.“ Ein sehr alter Wunsch gehe nun in Erfüllung, denn schon immer wollte er über Friedrich Nietzsche, den „Muthmacher“, referieren. Wahrlich wortgewaltig und enorm kraftvoll zog der Geehrte spielend die begeisterten Gäste in seinen Bann. [...] Bereits im Vorfeld der Verleihung sagte Martin Walser [...]: Nietzsche liebe ich sehr.“ Und in diesem Gespräch stellte er über den Philosophen Nietzsche gleich noch mit aller Deutlichkeit klar: „Er ist für mich der größte deutsche Schriftsteller.“ [...]


Martin Walser

Brief an Barbara Straka vom 23.10.2015 als Resonanz auf die Laudatio anlässlich der Verleihung des Internationalen Friedrich-Nietzsche-Preises in Naumburg (2015)

Auszug aus einem unveröffentlichten Dokument:


Liebe Frau Straka,

Ihnen zu danken ist schon fast zu spät! Am Abend war ich [...] nicht fähig Ihnen zu sagen, wie schön es war, Ihnen zuzuhören. Während Sie sprachen, musste ich meinen Text ändern [...] Aber ich fühlte mich bei Ihnen aufgehoben. Das ist ein eher selten erlebbares Gefühl. Ich will Ihre kluge Rede nicht strapazieren, aber mir war, als sei Wohlwollen im Spiel. Ich habe ihnen sicher mehr zu danken als ich weiß! Auf jeden Fall: sollte sich noch einmal eine Gelegenheit ergeben, Ihnen zuzuhören, so werde ich sie eifrig benutzen! Für heute mit herzlichen Grüßen

Ihr Martin Walser

(Anlage: Textmanuskript „Der Muthmacher“ von Martin Walser)



2016 – 2018 (wird ergänzt)



2019


Wieland Führ

Der Mann an der Leier. Das Nietzsche-Dokumentationszentrum in Naumburg hat ein Ölgemälde aus Privathand erworben – es zeigt den Philosophen als Drehorgelspieler

In: Burgenland-Journal (Naumburg a.d. Saale), 28./29.12.2019


[...] Ist nun Friedrich Nietzsche tatsächlich der Dargestellte auf dem Ölgemälde, und ist Nietzsches Aphorismus „Der versteckte Leierkasten“ Grundlage für die Bildsprache des Malers (Arthur Kampf, B.S.), so wie es der Vorbesitzer des Gemäldes bereits vermutet hat? Recherche tat not, die von der bekannten Kunstwissenschaftlerin Barbara Straka aus Potsdam durchgeführt wurde und welche letztlich zum Erwerb des Bildes führte. So konnte Eichberg (Leiter des Nietzsche-Dokumentationszentrums Naumburg, B.S.) nicht nur das wohl um 1908/09 gemalte Gemälde erstmals in der Öffentlichkeit präsentieren, sondern hatte auch Barbara Straka gewinnen können, ihre Forschungsergebnisse dem Auditorium vorzutragen. 
          Zu den Argumenten der Kunstwissenschaftlerin zählt, dass Arthur Kampf Nietzsches Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche 1903 nachweislich in Weimar kennengelernt hatte und wohl auch das Nietzsche-Archiv besucht haben dürfte. Aufbau und Inhalt des Gemäldes folgen einerseits der akademischen Bildsprache von Kampf, andererseits übernehmen sie überraschend gut die Ikonographie und Gedankenwelt Nietzsches wie der „göttliche Hanswurst“, „der Artist“ oder „der Einsame“. „Kampf verstand es, mit wenigen Attributen philosophische und künstlerische Komplexität zu erzeugen, hintergründig und bedeutungsvoll zu inszenieren“, so Barbara Straka. Daher käme „dem Gemälde auch ein Appellcharakter zu, eine Aufforderung, über Wahrheit und Lüge als Generalthema Nietzsches und die Rolle der Kunst nachzudenken“. Der verkleidete Artisten-Philosoph mit Leierkasten würde damit zum Botschafter der Wahrheit. Nicht zuletzt weise der Dargestellte tatsächlich starke Ähnlichkeiten mit dem späten Nietzsche auf, so auch mit den Zügen seiner Totenmaske. [...] Auf jeden Fall ist das Bild eine wertvolle Bereicherung für die Kulturlandschaft Naumburgs. 



Ieva Astahovska (Hg.):
Valdis Abolins. The avant-garde, mailart, the New Left and cultural relations during the Cold War, Latvian Centre for Contemporary Art, Riga 2019 (Covertext Rückseite):

Valdis Abolins (1939 - 1984), or Abo to his friends, was "an exile Latvian, a mail artist, an inspiring avant-garde and nonconformist artist, the former gallery manager with international experience", who "brought together people, recorded his time with the accuracy of a seismograph, discovered artists and art trends" and "influenced not only the art of his time, but also art after his death. He was radical in his quests. He was always ahead of this time", writes art historian Barbara Straka
Valdis Abolins' letters and articles, and the memoirs of him and essays based on archive materials presented in this book provide an intriguing look at his role in the history of art and exile during the Cold War period and at his attempts to establish closer ties between the exile community, the West and Latvia, to open up isolated worlds, and his desire to change political reality through culture.

Rezeption 2004 - 2010


2004  (wird ergänzt)



2005  (wird ergänzt)

jum/lik
Schlingensief wird Kunstprofessor in Braunschweig, in: Braunschweiger Zeitung, 7.7.2005

Christoph Schlingensief wird Gast-Professor der Braunschweiger Hochschule für bildende Künste. Wie Präsidentin Barbara Straka jetzt bestätigte, wird der Theater-Provokateur ab Oktober zwei Jahre lang "Kunst in Aktion" lehren, ein Fach, das an die Stelle des Faches Darstellendes Spiel tritt. 
          Barbara Straka betonte, dass der schillernde Name nicht den Ausschlag gegeben habe. Wichtiger sei, dass der umtriebige Aktions-Künstler zu denjenigen gehöre, die sich mit ihrem speziellen künstlerischen Prinzip an vorderster Front positioniert haben. Außerdem dürfe man davon ausgehen, dass Schlingensief vorzüglich sei in puncto Vermittlung von Lehre und Praxis. Bei ihm sollen die Studenten von Anfang an in die Kunst-Aktionen eingebunden werden. [...]


Alison Gingeras

I declared a painting ban for myself, I let someone else paint for me.“ 

In: Katalogbuch anlässlich der Rekonstruktion der 1. Ausstellung von Martin Kippenberger, „Lieber Maler, male mir ...“ (NGBK RealismusStudio 1981), Gagosian Gallery, New York 2008, Auszug aus dem Katalogtext, S. 9 und 13


In 1981, Martin Kippenberger made his museum debut at Berlin’s Neue Gesellschaft für Bildende Kunst (New Society for fine Arts). A watershed moment in any artist’s career, this first show provided the young Kippenberger with more than just an institutional stamp of approval. It was an opportunity to unveil his ambitiously complex artistic program as well as introduce his already flamboyant persona to a broader audience. [...]

           Extrapolating from Barbara Straka’s catalogue essay [...] which begins with a reference to the aesthetic debate between Marxist intellectuals György Lukács and Bertolt Brecht, it is plausible to conclude that Kippenberger’s use of realism was an antagonistic political gesture. [...] Kippenberger was systematically attracted to taboo subject matter and to open wounds in cultural, political, and aesthetic spheres. [...]



2006 (wird ergänzt)



2007


Susanne Kippenberger

Durch die Pubertät zum Erfolg

In: Susanne Kippenberger, Kippenberger – Der Künstler und seine Familien, Berlin (Berlin Verlag) 2007, S. 205 f. 


Es war wie ein Paukenschlag, ein Geniestreich der Dialektik: „Lieber Maler, male mir“ [...] Diese erste große Ausstellung hatte er sich, wie so viele spätere, selbst besorgt. Indem er einfach sagte: Ich will. Er [...] war ins RealismusStudio in der Hardenbergstraße gegangen, in einem grauen, etwas zu engen Anzug, mit seinem Buch „1/4 Jahrhundert Kippenberger“ unterm Arm, und sagte, er wolle „Ausstellung machen“. Die Kuratorin Barbara Straka gehörte zu denen in der NGBK, die nach neuen Formen politischer Kunst jenseits des sozialistischen Realismus suchten, ihr gefiel das, was sie sah: „die Ironisierung der Realität mittels zur Kunst erklärter Alltagsbanalitäten, ihre Verfremdung durch Kombination zu (scheinbar) zusammenhanglosen Text- und Bildmontagen“. 

           Die Ausstellung selbst war dann auch für Straka eine Überraschung: „Es gab vorher keinen Atelierbesuch, er hat nicht verraten, was er macht.“ Sie wusste nicht, dass er gar kein Atelier hatte, ja nicht mal eine eigene Wohnung. Eine derart konzeptuelle Malerei, noch dazu eine mit so viel Witz, das hatte es im RealismusStudio noch nicht gegeben. Zum ersten Mal (laut Martin) verkaufte er ein großes Bild [...]. 

           „Durch die Pubertät zum Erfolg“ lautete die Überschrift seines Veranstaltungsreigens. „Es war ein durchorchestrierter Event“, so Barbara Straka, „wie es ihn noch nicht gegeben hatte in dieser Zeit.“ Es ging los an Martins Geburtstag, dem 25. Februar, mit der Vorstellung seines Buches „Durch die Pubertät zum Erfolg“ in der Paris Bar, einer Art Bilanz seines bisherigen Lebens und Reisens, einer Collage aus Bildern und Texten, prallvoll mit Ideen, und ging weiter am 1. März in Wanne-Eickel auf der Zeche Unser Fritz [...]; am 6. März um 19 Uhr wurde „Lieber Maler, male mir“ in der NGBK in der Hardenbergstraße am Zoo eröffnet und ein paar Stunden später in der nahe gelegenen Galerie Petersen die Ausstellung „Kippenberger im Nudelauflauf sehr gerne“; am 11. März zeigte er in der Münchner Gruppenausstellung „Rundschau Deutschland“ seinen VW-Bus zwischen lauter Bildern seiner Kollegen [...]; und zum krönenden Abschluss am 24. und 25. März: Live-Auftritt im Café Einstein. 

           [...] Er hatte seinen Tarnanzug. Deswegen war er ein freier Mensch. Er hat an sich und an die Kunst geglaubt, von Anfang an, hat als Kind geglaubt, dass er ein berühmter Künstler wird, und als Teenager, dass er mal Millionen verdient. Dieser Glaube hat ihm die Kraft gegeben, zu arbeiten wie ein Besessener und auch nach Niederlagen immer wieder aufzustehen. Sein gewaltiges Selbstbewusstsein hatte [...] immer etwas von Sendungsbewusstsein. [...] Glaube, das war für ihn Liebe – und Liebe war Glaube, im Leben wie in der Kunst. „Es gab ein fast religiöses Moment bei ihm“, sagt Barbara Straka: „Wer nicht für mich ist, ist gegen mich“. [...]



2008     (wird ergänzt)



2009


Kolja Reichert

Mehr Demokratie malen. Ein Buchstabe macht den Unterschied: Zwei Berliner Kunst-Institutionen feiern 40. Geburtstag – NBK und NGBK

In: Der Tagesspiegel (Berlin), 29.3.2009


[...] 40 Jahre Geschichte von Kunst und Öffentlichkeit. In keiner anderen Kunstinstitution haben sich gesellschaftliche Veränderungen, politische Kämpfe und künstlerische Entwicklungen so direkt niedergeschlagen wie in den beiden demokratisch organisierten Berliner Vereinen. Der Marsch durch die Kunstinstitutionen nahm hier seinen Ausgangspunkt. [...] Während im NBK der von Vorstand und Verwaltungsrat gewählte Direktor das Jahresprogramm gestaltet, entscheiden in der NGBK noch immer alle Mitglieder gemeinsam über das Jahresprogramm [...]. Hier treffen junge Kunstschaffende, die Projekte realisieren wolle, auf politische Aktivisten. Manche Karriere hat in der NGBK ihren Ausgang genommen. Joachim Neyer, Leiter des Wilhelm Busch-Museums Hannover, Barbara Straka, Präsidentin der Kunsthochschule Braunschweig, Gabriele Horn, die heute die Kunstwerke in der Auguststraße leitet – sie alle sammelten ihre ersten Erfahrungen in der NGBK. „Danach kann einen so schnell nichts mehr erschüttern“ [...].



2010 (wird ergänzt)

Rezeption 1994 – 2004


1994 – 1995 (wird ergänzt)


1996

„… der Diskurs findet hier statt“ – 50 Jahre Haus am Waldsee (1)
In: Zehlendorfer Heimatbrief, August 1996


Eine der bekanntesten Berliner Kultureinrichtungen, das Haus am Waldsee (ehem. Amt für Kunst Zehlendorf), feiert 1996 den 50. Jahrestag seiner Gründung. Die 1922 erbaute Villa im englischen Landhausstil, eines der markantesten Gebäude mit großzügiger Parkanlage und Seezugang an der Argentinischen Allee, diente ursprünglich der Fabrikantenfamilie Knobloch & Rosenmann als Wohnhaus.

Schon unmittelbar nach Kriegsende nutzte das Bezirksamt Zehlendorf das Parkgelände mit Freilichtbühne und die Villa als kulturelle Einrichtung. „Besuchen Sie Berlins schönstes Naturtheater“, heißt es auf einer Einladung zu Fritz Genschows Inszenierung des Sommernachtstraums von Shakespeare, die am 24. August 1945 Premiere feierte. Bis 1950 kamen Werke von Hugo von Hoffmannsthal, Gerhart Hauptmann, Carlo Goldoni, Henrik Ibsen und Friedrich Schiller zur Aufführung. Der spätere RIAS-Reporter Genschow richtete auch ein

Kindertheater und -ballett ein, und noch heute erinnern sich ältere Zehlendorfer gern an die Aktivitäten der frühen Jahre. Aber auch im Übrigen war das Haus am Waldsee nicht untätig: Zehlendorfer Künstlerinnen und Künstler erhielten in der vorübergehend hier eingerichteten ‚Erfassungsstelle‘ ihre Lebensmittelkarten und planten erste Ausstellungsaktivitäten im kriegszerstörten Berlin. Am 15. März 1946 ordnete die Alliierte Kommandatura die Bildung von Kunst- und Kulturämtern in den Berliner Bezirken an, und dies war zugleich die Geburtsstunde des Hauses am Waldsee, das als ‚Amt für Kunst Zehlendorf‘ nun offiziell seine Arbeit aufnahm.

Mit der Entwicklung eines professionellen und reichhaltigen Kulturlebens kam dem Bezirk Zehlendorf und dem Amt für Kunst unter der Leitung von Karl Ludwig Skutsch eine Vorreiterrolle zu. Gemeinsam mit Josef Rufer widmete sich der erste Kunstamtsleiter auch der Pflege der modernen Musik, die ebenso wie die zeitgenössische Kunst während der Zeit des Nationalsozialismus ein Schattendasein gefristet hatte oder offiziell mit dem Stempel ‚Entartete

Kunst‘ der Verfolgung und Diffamierung preisgegeben worden war. Werke von Bela Bartok, Alban Berg, Boris Blacher, Paul Hindemith, Arnold Schönberg und Igor Strawinsky standen auf dem Programm. Unbeschreiblich groß war der Kulturhunger der Berliner in jenen ersten Nachkriegsjahren, hier im Haus am Waldsee Begegnungen mit Kunst, Musik, Literatur und Kunstwissenschaft zu suchen, die in wechselnden Ausstellungen mit begleitenden Konzertveranstaltungen, Lesungen und Vorträgen ermöglicht wurden. Rückblickend wird deutlich, dass es vor allem der Initiative von Karl Ludwig Skutsch zu verdanken ist, dass das Haus am Waldsee in den zehn Jahren seiner Leitung bis zu seinem Tod im Jahr 1958 ein bereits überregionales Profil als Ausstellungshaus der internationalen zeitgenössischen Kunst entwickelt hat.

Begann es 1946 noch – der Zeitstimmung entsprechend – mit einer Ausstellung von Werken der im Vorjahr verstorbenen Käthe Kollwitz, so folgten in den späten 40er und 50er Jahren bedeutende Namen wie Schmidt-Rottluff, Schlemmer, Kirchner, Baumeister, Lehmbruck und populäre Künstlerinnen wie Renée Sintenis, deren Ausstellung mit über 10.000 Besuchern zu den bestbesuchten jener Jahre zählte. Mit der Präsentation von Werken der ehemals ‚Entarteten‘ Künstler vermischte Skutsch immer wieder Vorstellungen herausragender internationaler Positionen wie Picasso, Mirò, Moore, Braque und Laurens, widmete sich aber

auch der Unterstützung der jungen Berliner Nachkriegskunst wie der ‚Berliner Neuen Gruppe‘ (1949 mit Werken von Schmidt-Rottluff, Pechstein, Camaro, Hartung, Heiliger, Trökes u.a.). Die von Walter Wellenstein 1951 begründete Künstlergruppe ‚Der Ring‘ (Mitglied war u.a. Hannah Höch) veranstaltete alljährlich eine Gruppenausstellung im Haus am Waldsee (2). Nach dem unerwartet frühen Tod des ersten Kunstamtsleiters (1958) bestimmten noch zwei weitere Kunsthistoriker die Geschicke des Hauses am Waldsee: Eberhard Marx bis 1962 und Manfred de la Motte bis 1964, bevor Thomas Kempas die Leitung übernahm. Über drei Jahrzehnte hinweg, es war die kontinuierlichste Amtsperiode in der Geschichte des Hauses, gab der Theaterwissenschaftler und Kunsthistoriker dem Haus am Waldsee sein lange gültiges Profil. Wegweisende Ausstellungen zu neuen Kunstrichtungen (Ornamentale Tendenzen, Neuer Realismus, Heftige Malerei u.a.), Themenausstellungen zu brisanten Fragen der Zeit wie ‚Identität‘, ‚Fetisch Jugend – Tabu Tod‘ u.a., Photoprojekte, internationale Avantgarde (Andy

Warhol, Duane Hanson – mit mehr als 30.000 Besuchern) und Neuentdeckungen machten das Haus am Waldsee für Tausende von Besuchern aus Berlin, aus dem In- und Ausland zu einer Begegnungsstätte mit der Kunst der Gegenwart. Am Ende seiner Amtszeit im Oktober 1994 konnte Thomas Kempas mit Stolz auf ein Programm zurückblicken, das Ausstellungs- und Kunstgeschichte geschrieben hat und ließ ein gut bestelltes Haus am Waldsee zurück, dem er in Abstimmung mit den politisch Verantwortlichen über manche Krise hinweggeholfen hatte.

Bis heute hat das Haus am Waldsee mehr als 260 Projekte veranstaltet; zu den jährlich 6 – 8 Ausstellungen kommen zwischen 18.000 und 30.000 Besucher in die Zehlendorfer Villa an der Argentinischen Allee. Unter der neuen Leitung der Berliner Kunsthistorikerin und Kuratorin Barbara Straka, die im Oktober 1994 das Amt von Thomas Kempas übernahm, wird unter dem Motto ‚Innovation in der

Tradition‘ an das Konzept des Hauses angeknüpft. Neue Programmschwerpunkte wie ‚Kunst und Geschichte‘, ‚Betriebssystem Kunst‘, ‚Europa der Regionen‘ und ‚Werkstatt der Moderne‘ kamen hinzu, auch wurde der Blick auf zeitgenössische kanadische, australische, osteuropäische und russische Kunsttendenzen gerichtet. Auch ein Projekt mit japanischer Kunst ist geplant. Die Förderung der Kunst des 20. Jahrhunderts und des internationalen Kulturaustauschs, die

Entdeckung neuer Trends und Kunstdiskurse, die Entwicklung neuer Präsentations- und Vermittlungsformen, die Ermöglichung einer stillen, individuellen Begegnung mit Kunst einerseits und die öffentliche Diskussion mit Publikum, Künstlern und Kunstwissenschaftlern andererseits gehören zum erklärten Selbstverständnis und Programm des Hauses am Waldsee.

„Der Diskurs findet hier statt…“ (3) – unter dieses Motto möchten wir unsere Arbeit stellen. Doch bevor wir den Blick nach vorn richten, schauen wir gemeinsam mit unserem Publikum auf die Geschichte: Im Oktober und November 1996 laden wir aus Anlass des 50. Jahrestages der Einrichtung unseres Hauses zu der historisch-dokumentarischen Jubiläumsausstellung 50 Jahre Haus am Waldsee ein. Anhand von Foto- und Textdokumenten, Urkunden, Originalmobiliar, Zeitzeugenberichten, Autographen, wiederentdeckten Kunstwerken, Rauminstallationen und

Videoprogrammen wollen wir die Entwicklung des Hauses am Waldsee von der einstigen ‚Fabrikantenvilla‘ (4) zum heutigen ‚Schauplatz der internationalen Gegenwartskunst‘ darstellen. Ein musikalisches und literarisches Rahmenprogramm macht auf die Geschichte wie auf die damalige und heutige Rolle des Hauses im kulturellen Leben Berlins aufmerksam. Das Jubiläum fällt jedoch in eine Zeit drastischer Sparmaßnahmen, und so sind mehr als je zuvor

Eigeninitiative und Bereitschaft zur Improvisation bei der Suche nach

Finanzierungsmöglichkeiten zur Deckung der Kosten gefragt (5). Zur Unterstützung des Hauses am Waldsee wurde nach einer schon vor mehreren Jahren geborenen Idee des Stadtrates für Bildung und Kultur, Stefan Schlede, und des damaligen Kunstamtsleiters Thomas Kempas, im April 1996 der ‚Verein der Freunde und Förderer des Hauses am Waldsee e.V.‘ gegründet. Er wird sich Ende Oktober in einer ersten Mitgliederversammlung der Öffentlichkeit vorstellen.

Berlin-Zehlendorf, im August 1996

Anmerkungen:

1. Der Artikel von Barbara Straka erschien im September 1996 als ‚Aufmacher‘ 
im Zehlendorfer Heimatbrief mit einem Foto des Hauses am Waldsee auf der Titelseite.

2. Vgl. dazu auch den Artikel von Liselotte Bastian, ebd.

3. Titel eines künstlerischen Beitrags der Berliner Konzeptkünstler Dellbrügge/de Moll anlässlich der Ausstellung Memento – Kunst, Geschichte, Gedenken im Mai und Juni 1995 im Haus am Waldsee. Im Einverständnis der Künstler wurde der Titel als Motto für die Ausstellungsarbeit und als Titel für die Jubiläumsausstellung verwendet.

4. Vgl. den zusammenfassenden Beitrag über die Bau- und Ausstellungsgeschichte des Hauses am Waldsee bis 1992 von Karla Bilang, in: Geschichtslandschaft Berlin. Orte und Ereignisse: Zehlendorf. Hrsg.: Historische Kommission zu Berlin, Nicolai’sche Verlagsbuchhandlung, Berlin 1992

5. Das Haus am Waldsee leistete seit seiner Gründung eine über den Bezirk Zehlendorf hinaus bedeutende Arbeit für die Stadt Berlin, erhielt aber keine Zuschüsse durch die Senatsverwaltung für Kulturelle Angelegenheiten. Während der Jubiläumsausstellung fand ein Empfang mit dem Kultursenator Peter Radunski, dem Stadtrat für Bildung und Kultur des Bezirks Zehlendorf, Stefan Schlede und Vorstandsmitgliedern des neu gegründeten Fördervereins statt. 


1998


Berlin Reporter

98 Köpfe für 98 – Barbara Straka, Kunst-Agentin

In: Zitty Berlin, 01/1998


Sie zählt zu den profiliertesten Ausstellungsmacherinnen der Berliner Kunstszene. Groß geworden im RealismusStudio der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK), u.a. durch Ausstellungen mit Martin Kippenberger oder Georg Herold, übernahm sie 1987 die Organisation des umstrittenen „Skulpturenboulevards“ und kümmerte sich um den Kulturaustausch mit Osteuropa. Zu diesem Zweck unterhielt sie eine Kunst-Agentur, ehe sie 1994 die Leitung im Haus am Waldsee übernahm und dem zwischenzeitlich verstaubten Ort mit Ausstellungen wie „Memento: Kunst – Geschichte – Gedenken“ wieder Leben einhauchte. Höhepunkte des Jahres: im Sommer 1998 eine Ausstellung mit Dellbrügge/de Moll, im Winter mit Christina Iglesias/Olaf Metzel.


Peter Herbstreuth
Wirkung: gewollt, in: Der Tagesspiegel (Berlin), 17.6.1998

Die dritte Runde der abendlichen Reihe "Kunst im öffentlichen Raum" rollte unter dem Thema "Politische Kunst zwischen Vermarktung und Protest" die Möglichkeiten künstlerischen Engagements für politische Belange auf, und man konnte mal wieder sehen, dass Redekultur etwas anderes als Schriftkultur ist. Sabeth Buchmann las zur Einführung einen dichtgewobenen Text, dem folgen konnte, wer in der Theoriediskussion der letzten Jahre bereits heimisch war. Doch Barbara Straka, durch lange Erfahrung mit Kunst im öffentlichen Raum praxisgewandt, pointierte nach einem Abgesang auf die Realismuskonzepte der siebziger und achtziger Jahre vernehmlich ihre Erfahrungen in der Formel: Es gäbe keine politische Kunst als solche; sie sei von der Zeit, dem Ort, den Adressaten, der Situation und also dem Kontext abhängig und habe erfahrungsgemäß eine kurze Dauer. Politische Kunst wolle keine Ewigkeit, sondern Wirkung. [...]



1999  (wird ergänzt)



2000


Claudia Henne

Yume no Ato – Was vom Traum blieb ...“

In: Klassik zum Frühstück, Radio 3, 13.6.2000


„Yume no Ato...“ – der Titel der Ausstellung mit zeitgenössischer japanischer Kunst ist programmatisch zu verstehen. Entnommen ist die Zeile einem Haiku von Matsuo Basho aus dem 17. Jahrhundert und [...] bedeutet so viel wie „Was vom Traum blieb“ oder „Spur des Traumes“. Das kann man natürlich mit ganz unterschiedlichen Bedeutungen füllen. Z.B.: die Spuren können rühren vom Traum einer neuen Gesellschaft – dem Traum der alten traditionellen Ordnung. Dieser Titel öffnet mit Poesie ein weites Spektrum an Möglichkeiten und das findet sich in den Werken, die im Haus am Waldsee zusammengetragen worden sind. [...]

          Die Leiterin des Hauses am Waldsee, Barbara Straka, hat sich sehr intensiv vorbereitet und ist mit einer Liste voller Namen in der Tasche nach Tokio geflogen. Das löste bei manchem japanischen Partner Überraschung aus und führte die Berlinerin schnell zu der Einsicht, dass bestimmte künstlerische Positionen in Japan, wenig gezeigt und wenig unterstützt und schon gar nicht gerne für ein Solches Projekt in die Fremde geschickt werden: Künstler, die sich mit der japanischen Vergangenheit, mit den Kriegsverbrechen der Japaner auseinandersetzen. Die sind in Galerien und Museen nicht unbedingt willkommen. Da gab es ganz empfindliche Berührungspunkte. Das Ergebnis ist eine Ausstellung, die unsere Erwartungen ganz schön durcheinander bringt. [...]


Kerstin Rottmann

Kühle Meditation über die Zeit. Jenseits des Klischees: Zeitgenössische Kunst aus Japan im Haus am Waldsee

In: Die Welt (Berlin, Hamburg), 15.6.2000


Auf den ersten Blick erfüllt die Ausstellung „Zeitgenössische Kunst aus Japan“ denn auch alle Klischees: Farbenfroh, verführerisch und ein klein wenig exotisch locken die Exponate. [...] Aber im Haus am Waldsee lässt sich mehr als nur Bekanntes, Vertrautes entdecken.

          Drei große Strömungen der japanischen Gegenwartskunst haben die Kuratoren ausfindig gemacht und sie eindrucksvoll mit Installationen, Fotografien und Malereien von 20 Künstlern illustriert. „Yume no Ato...“ [...] erzählt von der Geschichte, der Gegenwart, den Utopien des heutigen Japans – aber auch von den Projektionen und Fantasien des Westens. [...] Es sind diese ruhigen, konzentrierten Momente, in denen die Ausstellung ganz zu sich findet. Was also bleibt vom Traum? Der Fortschritt hat seinen Preis, weltweit. Aber es ist die zeitgenössische japanische Kunst, die uns die Kraft und Ruhe der Tradition lehren könnte.


Elfi Kreis

Aus dem Teebeutel lesen. Das Berliner Haus am Waldsee zeigt einen Überblick zeitgenössischer japanischer Kunst

In: Potsdamer Neueste Nachrichten (Potsdam) und Tagesspiegel (Berlin), 19.6.2000


[...] Dabei unterscheidet die Kuratorin Barbara Straka drei aktuelle Tendenzen: Zum einen ist da die Kunst, die global ausgerichtet ist, Anregungen aus der Trivialkultur aufgreift und die Amerikanisierung des japanischen Alltags widerspiegelt. [...] Den zweiten Schwerpunkt bildet eine Kunstströmung, die auf alles Glamouröse verzichtet, den Purismus sucht und den zen-Buddhismus aktualisiert. [...] Die dritte von Kuratorin Straka ausgemachte Tendenz ist die „Art of Memory“, die Spurensicherung: eine Rückbesinnung auf eigene Kunsttraditionen, die lange verdrängte Geschichte Japans und seine Rolle im Zweiten Weltkrieg. [...]


Kerstin Decker

Artistenmetaphysik“: Die Legende von Zara und Tustra

In: Der Tagesspiegel (Berlin), 12.12.2000


[...] Die Ausstellung von Barbara Straka und Gudrun Gorka-Reimus bricht Weltsplitter aus dem Denken Nietzsches, setzt sie neu zusammen und macht auf sie die Gegenwarts-Probe. Manchmal beginnen sie zu leuchten. [...]

          Was ist Philosophie? Oberste, leerste Begründungswissenschaft oder soll sie die eigensinnigen Weltfäden der Universen Wissenschaft, Alltag und Kunst wieder zusammenspinnen? Dann müsste sie wieder schwerer werden. Ungefähr so schwer wie Nietzsches „Artistenmetaphysik“. 

Rezeption 1988 – 1994


1988


Bernhard Schulz

Riga – Lettische Avantgarde

In: Der Tagesspiegel (Berlin), 24.7.1988


Was die Ausstellung „Lettische Avantgarde“ zeigt, darf ohne Zögern zu den Entdeckungen und Überraschungen im Kulturstadtjahr gezählt werden. In Riga 1987 entstand der Gedanke zu der Präsentation, die jetzt, ohne die geringste offizielle Einflussnahme auf die Auswahl der Künstler durch die NGBK, mit übrigens erheblicher Unterstützung von lettischer Seite, Wirklichkeit geworden ist.

           „Lettische Avantgarde“ ist der Ausstellungstitel, ohne sich viel um den hierzulande abgenutzten Avantgarde-Begriff zu kümmern. Es ist ja auch Avantgarde im besten Sinne, es sind Vorläufer, Vorbilder künftiger Freiheiten und Möglichkeiten in einer besseren lettischen Zukunft. 1990 soll eine Gegenausstellung Berliner Künstler in Riga stattfinden. Der Dialog hat begonnen.



1990


Wulf Herzogenrath

Statement aus Berlin

In: Art Position 1/1990, Frankfurt am Main


[...] Wie soll ich da nicht Partei für Berlin ergreifen, wenn sich z.B. aus Köln die Nachrichten überschlagen: Rudolf Zwirner kommt mit seiner Galerie nach Berlin, Paul Maenz schließt seine in Köln und überlegt in der kommerzialisierten Szene seinen Standort neu. Der frische Wind weht in Berlin, z.B im Kunstraum von Barbara Straka, die schon seit einigen Jahren lettische Künstler vorstellte; Dieter Honisch kaufte neben Barnett Newman für die Nationalgalerie schon seit vielen Jahren Künstler wie Opalka, Knifer oder Birkas – dieses neue Gefühl von Mitteleuropa mit neuen Fragestellungen und Herausforderungen für die Künstler, die Kunstvermittler und besonders auch die Museen lässt den Kleinkrieg der Städte um die Kulturvorherrschaft zurücktreten. Hier entstehen neue Freiräume für Phantasie, der junge Künstler, der engagierte Kunsthändler ist gefragt. Das Publikum in Berlin und das so zahlreich einreisende auswärtige wird davon profitieren.



Galerie des Monats: Agentur „Inter Art“

Kontakt-Galerie

In: PRINZ (Berlin), ?/1990


Wie nennt man eine Galerie, die gar keine Galerie ist? Sondern eine Kunst-Agentur, die sich der arg komplizierten Aufgabe widmet, junge Kunst aus der Sowjetunion an Galeristen im Westen zu vermitteln? Geschäftsführerin Barbara Straka kam nach langem Meditieren aufs sachliche „Inter Art“. Das steht auch an der Tür im ersten Stock ihres Domizils an der Potsdamer Straße. Die Kunst findet hier in zwei hellen, weißen Ausstellungsräumen mit Blick auf die Straße statt. Vermittelt und verhandelt wird eher in einem rot-dämmrigen Raum mit gedämpfter Atmosphäre. „Sowjetische Kunst“ – mit der Bezeichnung hat Barbara Straka ihre realpolitischen Probleme, „denn wenn ich sowjetische Kunst sage, schließe ich die Litauer aus, falls sie sich morgen selbständig machen. Und wenn ich russische Kunst sage, drehen sich die Letten und Georgier weg“. 

          Gegründet wurde die ‚Inter Art’ schon 1988, als Glasnost und Perestroika die Isolation von Künstlern des Ostblocks langsam lockerten. Schon damals war ‚Inter Art’ „eher Kontaktstelle als Galerie“, so Barbara Straka. Heute werden junge Künstler – „Kinder und Enkel der alten Soz-Artisten“ – von ‚Inter Art’ nach Berlin eingeladen. Im hauseigenen Atelier können sie zwei bis drei Wochen ungestört arbeiten und sich auf die Präsentation ihrer Arbeiten vorbereiten. „Manchmal ist hier soviel los, dass das Ganze eher einem Hotelbetrieb gleicht.“ Die in Berlin entstandenen Arbeiten nimmt die Agentur, die mit dem Künstler einen auf ein Jahr beschränkten Vertrag hat, in Kommission. Bei Verträgen mit Galerien berät ‚Inter Art’, „denn die jungen Künstler“, so Barbara Straka, „haben ja keine Vorstellung vom westlichen Markt.“

          Die Begeisterung für sowjetische Kunst entstand bei Barbara Straka, die in Berlin Kunstgeschichte studiert hat, schon vor Jahren. Als sie bei der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK) das Projekt „Riga – Lettische Avantgarde“ leitete, entdeckte sie den Osten für sich. „Seitdem hat sich für mich eine vollkommen neue Welt eröffnet“. Heute fährt Barbara Straka alle zwei Monate in die Sowjetunion. Sie erzählt begeistert: „Manchmal bin ich bei meiner Ankunft von wildfremden Menschen empfangen worden, man steckte mir Visitenkarten zu, lud mich ein, mal vorbeizuschauen.“ Kontakte sind das Allereinfachste: „Das läuft nach dem Schneeballsystem. Man kann in diesen Ländern ja nicht einfach Zeitschriften aufschlagen und sehen, was wo los ist.“

           Aber die Ost-West-Verbindungen bringen auch Probleme mit sich – ob bei Visabeschaffung, Einladungsmodalitäten, Transport und Versicherungsangelegenheiten. „Allein die Frage, mit welcher Währung wie viel bezahlt werden soll, ist oft schwierig zu beantworten“, erzählt sie lachend. „Die tausend kleinen Probleme sind es dann auch meist, die einem Projekt im letzten Moment drohen, es scheitern zu lassen.“ Die Zeiten haben sich glücklicherweise geändert: „Früher haben wir jedes Detail mit staatlichen Instanzen absprechen müssen. Heute geht es alles schneller, direkter und unbürokratischer.“ Da kann sich Barbara Straka vor allem über ihren Standortvorteil freuen: „Berlin ist im Moment eben der spannendste Standort für künstlerische Projekte.“



Eva Apraku

Typisch sowjetisch

Tip Magazin (Berlin), 8/1990 


Mit Glasnost und Perestroika öffnete sich die einstmals zensierte und kontrollierte sowjetische Kunstszene auch für westliche Interessierte. Die Gründung von „Interart“, einer Agentur für sowjetische Kunst, scheint sich Berlin auch bezüglich des Kunstaustausches zwischen Ost und West zu entwickeln. [...] Zusammen mit zwei weiteren Gesellschaftern gründete Barbara Straka Ende 1988 mit der GmbH „Interart“ eine „Agentur für Kunst“, die „Neue Kunst aus der Sowjetunion“ präsentiert, Ausstellungen konzipiert, berät und sowjetische Künstler gegen Prozente an Galerien vermittelt. Vier Vernissagen gab es seitdem in den großzügigen Altbauräumen auf der Potsdamer Straße 93 in Schöneberg. Neben einigen Galerien, die sich über sowjetische Nachwuchskünstler informieren wollten, kam die Resonanz erstaunlicherweise hauptsächlich aus dem Ausland. Interessiert an den Entwicklungen in Berlin nach der Maueröffnung und seiner Funktion als Drehscheibe zwischen Ost und West hatten sogar zwei japanische Zeitschriften „Interart“ aufgespürt und darüber berichtet.

          Der Agentur-Slogan „East meets West, West meets East in Berlin“ wird aber auch erfüllt, indem sich praktisch täglich Künstler nicht nur aus der Sowjetunion, sondern auch aus anderen osteuropäischen Ländern bei „Interart“ vorstellen. Sie ersuchen um Aufnahme in die Liste der vertretenen Künstler oder fragen schlicht um Rat, welche Galerien für ihre Arbeiten geeignet sein könnten. Nicht die Nationalität allein entscheidet nämlich, ob sich „Interart“ für einen Künstler einsetzt. Weil mit dem Anspruch, breite Aspekte der sowjetischen Kunst zeigen zu wollen, ihr Qualitätsanspruch kaum aufrechterhalten werden könnte, hat sich die Agentur auf den Bereich der Avantgarde spezialisiert. [...]



1991


T.F. 

Der Verlust einer Oase – Interferenzen. Kunst aus Westberlin 1960 – 1990 In: Neue Bildende Kunst 1/91, S. 73


Schon längst haben Ausstellungskataloge aufgehört das zu sein, wofür sie einmal erfunden wurden – Orientierungshilfe und Gedächtnisstütze, dem Besucher an die Hand gegeben, um sein Verständnis der ausgestellten Werke zu befördern. [...] Im Falle von „Interferenzen. Kunst aus Westberlin 1960 – 1990“ ermöglicht das produzierte Katalogbuch genau jene Gratwanderung zwischen Kunstgeschichte und Kunstkritik in diskursiv offener Form, die der Sache angemessen ist.

          Das von einem Team der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (Projektleitung Barbara Straka) zusammengestellte Katalogbuch entstand anlässlich einer Ausstellung Westberliner Kunst in Riga /Mai/Juni1991). Es scheint aber, dass die Autoren vor allem die Gelegenheit für eine Bilanzierung der Kunstentwicklung in Westberlin nutzen wollten. Das überrascht nicht, wenn man sich den Zeitpunkt des Erscheinens vergegenwärtigt. Man ist auf eine Zäsur vorbereitet: mit dem Fall der Mauer tritt auch die Kunst Westberlins in einen neuen Kontext ein, die abgeschirmte und, wie man nicht ohne Vergnügen liest, reichlich subventionierte Oase inmitten der dürren Umgebung muss verlassen werden. 

           Von den „impulsgebenden Wellen zwischen Ost und West“ (Straka) ist leider im Katalog viel zu wenig die Rede. [...] Barbara Straka beschreibt in ihrem wichtigen Text die „Wiederkehr der Realität“ nach der Alleinherrschaft der Abstrakten, jene sechziger Jahre, die, geprägt von politischen Aktionen gegen den Vietnam-Krieg, auch für die bildende Kunst wieder Sozialkritik möglich machten. Weitere Varianten kritischer Kunst findet die Autorin in den Künstleraktionen, in Fluxus und Happening ebenso wie in der realistischen Abbildhaftigkeit der Siebziger und in der sogenannten „Realkunst“ konzeptueller Art der achtziger Jahre. Für die Gegenwart werden nur Verluste konstatiert: „Noch nie hat es ein solches Auseinanderklaffen zwischen gesellschaftlichen Erwartungen an die Kunst gegeben, die zugleich durch eine so ungeheuerliche Fülle von ästhetischen Surrogaten fehlgeleitet wurden.“ [...]



Michael Nungesser

Treffpunkt Baltikum. Ausstellungsprojekt „Interferenzen“ / West-Berliner Kunst in Riga

In: Der Tagesspiegel (Berlin), 23.4.1991


[...] Hinter den „Interferenzen“ verbirgt sich „Kunst aus Westberlin 1960 – 1990“, ein weitgespanntes und ambitioniertes Ausstellungsprojekt der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK) unter der Leitung von Barbara Straka, das jetzt auf einer Pressekonferenz erstmals für die Öffentlichkeit Konturen annahm. Seit drei Jahren schon in Vorbereitung, soll die Kunst der Mauerjahre vom 18. Mai bis zum 13. Juni in der lettischen Hauptstadt Riga gezeigt werden. Mit ihr steht die NGBK durch ihren vormaligen Leiter Valdis Abolins, selbst ein Lette, schon seit längerer Zeit in Verbindung. [...]

          Über 150 Künstlerinnen und Künstler werden mit Malerei, Skulptur, Installation, Fotografie, Performance, Design und Video beteiligt sein. Zahlreiche Teilnehmer werden Arbeiten vor Ort einrichten, die sie speziell für Riga entworfen haben. Nur ein kleiner Teil der Werke stammt aus Museumsbesitz, vieles kommt direkt von den Künstlern oder entsteht mit der Ausstellung. [...] Die Organisatoren wollen die Kunst im westlichen Berlin nicht als eine Abfolge von stilistischen Strömungen oder Tendenzen darstellen, sondern bestimmten Fragestellungen nachgehen und Zusammenhänge zwischen unterschiedlichen Bereichen sowie zwischen Kunst und Gesellschaft aufzeigen. Ädie Ausstellung unterscheidet sich darin wohl sehr von früheren, oft arg gescholtenen – siehe „Ambiente Berlin“ auf der letzten Biennale – Selbstinszenierungen Berlins und wird in Riga als eines der herausragenden Kunstereignisse der letzten Jahre erwartet. Trotz etlicher finanzieller Probleme und politischer Unwägbarkeiten, die zu überwinden waren, scheint alles auf dem besten Wege, und es bestehen auch Hoffnungen, die Ausstellung, wiederum in Anpassung an die örtlichen Gegebenheiten, in Leningrad, vielleicht auch Washington (oder gar in Berlin?) aufbauen zu können. 



Ina Oskaja

Erstmals! Riga-Berlin: Versuch einer Annäherung

In: Sowjetische Jugend, 18.5.1991


„Interferenzen – die Kunst Westberlins 1960 – 1990“, so nennt sich – ohne Übertreibung – eine einzigartige Ausstellung, die heute in Riga eröffnet wird. Sie kann als größte aller Kunstausstellungen der letzten Jahre in Lettland gelten; das Projekt wurde von der NGBK in Zusammenarbeit mit dem Rigaer Stadtkomitee, dem Kulturministerium Lettlands, der Vereinigung der Kunstmuseen und dem Künstlerverband der Republik ausgearbeitet. 

          Dzemma Skulme, die Vorsitzende der Abteilung des Künstlerverbands Lettlands: „Warum wollen wir gerade heute in Riga die Kunst Berlins sehen? In erster Linie dominierte bei dieser Idee der politische Aspekt. Berlin erschien in diesem endlosen zweiten Weltkrieg als der glaubwürdigste Spiegel der großen politischen Probleme. Vielleicht erkennen wir in der Berliner Situation am meisten uns selbst.“ [...]



Wilhelm Schmid

Kunststacheln vor dem Freiheitsdenkmal. „Interferenzen“: Eine Berliner Ausstellung wird in der lettischen Hauptstadt zum Ereignis

In: Süddeutsche Zeitung Nr. 134, 13.6.1991


[...] Die Achse berlin-Riga ist alt und lebt nun nach ein paar Jahrzehnten Eisernem Vorhang schnell wieder auf. Es ist die Kunst, nicht die Politik, die die Nase vorn hat – im Raum der Kunst ist nun mal die Unbefangenheit und Neugierde, Grenzen zu überschreiten, am größten. Valdis Abolins, der 1984 gestorbene, aus Lettland stammende Geschäftsführer der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK) in Berlin, war es vor allem, der an dieser Brücke baute. 

           Aus Lettland kam der Anstoß zu einer Präsentation Westberliner Kunst in Riga. Die Realisierung traf nun glücklich mit dem Umstand zusammen, dass die Mauer nicht mehr existiert. Das hatte zweierlei zur Folge: Von Berliner Seite (unter Federführung der NGBK) konnte mit der Ausstellung „Interferenzen“ ein Rückblick auf drei Jahrzehnte Kunst unter Mauerbedingungen zusammengestellt werden. Auf Rigaer Seite wiederum nutzt man die Gelegenheit, sich als eine künftige europäische Metropole des Ostens darzustellen, durch Kunst und Kultur attraktiv für die Bewohner wie für die Besucher. Man hofft, auf diese Weise einen Schritt in die zumindest kulturelle Unabhängigkeit von Moskau zu tun und eine eigenständige kulturelle Identität wiederzufinden. [...] 

           „Interferenzen“, Überlagerungen, Überschneidungen gab es also in der Tat auf allen Ebenen. Der Titel der Ausstellung war äußerst glücklich gewählt. Für Konzeption und Organisation der Ausstellung zeichnet auf Berliner Seite Barbara Straka verantwortlich. Sie hat es geschafft, mit der Hilfe von Leonards Laganovskis in Riga ein Konzept zu verwirklichen, in dem Kunst und Leben ineinander übergehen. Dieses Modell der Kunst als Fest in der Stadt hat Zukunft. [...]



Nicola Kuhn

Wir rücken wieder in die Mitte. Zum Abschluss der Ausstellung „Interferenzen“ in Riga

In: Der Tagesspiegel (Berlin), ?Juni 1991


[...] Das Fazit, das das Team der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK) unter der Leitung von Barbara Straka zieht, ist fast durchweg positiv. Die Kritikpunkte betreffen vor allem die Unwägbarkeiten vor Ort, welche die Hängung zum Hindernislauf machten. Drei Jahre Vorarbeit und davon ein Jahr intensiver Vorbereitung haben sich gelohnt. Das Interesse der auch aus anderen Sowjetrepubliken angereisten Besucher ist verdient. [...]

           Rund 150 Künstler mit etwa 450 Arbeiten aus den Bereichen Malerei, Skulptur, Installation, Fotografie, Performance, Künstlerdesign und Video im Baltikum zu präsentieren, ist mehr als eine beachtliche Leistung. Denn jene 750.000 DM, die durch die Klassenlotterie in das Projekt einflossen, gingen zum größten Teil in die Transportkosten und die Produktion eines Kataloges, der auch nach der Ausstellung als Handbuch Gültigkeit behalten soll. Selber anpacken und viel Engagement waren also gefragt. [...]

          Von den Medien wurde „Interferenzen“ ohnehin als das bedeutendste kulturelle Ereignis der letzten Zeit gefeiert, die Ausstellung schon vorab mit ausführlichen Sendungen und Artikeln begleitet. Kunst hat hier unmittelbar die Funktion eines Mediums. Sie wird als Vermittler zwischen Ost und West verstanden und gilt gerade in Lettland als Zeichen einer von Moskau unabhängigen Anbindung an Europa. [...]



Mike Zwerin

For Berlin’s Artists, a New Wall

In: International Herald Tribune, 23.11.91


[...] „Artists have many serious problems now“, says the art historian Barbara Straka, a native Berliner who lives on Potsdamerstrasse, 100 meters from Glienicker Bridge (unzutreffend! B.S.), where spies were once exchanged. „ It will be difficult for them to survive these next years. Many painters and sculptors have purchased houses in the countryside in the east, not far from Berlin. They cannot afford to rent studios in town any more. At the same time, western galleries, including Christie’s and Sotheby’s, are opening branches here.

           In a new office building on the other side of Straka’s street, which used to be a dead end and is now so busy you can hardly cross it, space rents for close to 50 Deutsche marks a square meter. (In the good old days, artists paid 3,50 DM for studios.) In the 20s, Potsdamer Platz was one of the most exciting European metropolitan centers. The Wall cut it down and now, she says, „you can see all the wounds of Berlin there. It is like you have had your arm amputated and all of a sudden they fix it again to your body. Blood flows through it and it is normal but you have forgotten what normality is.“ Straka once imported art from Eastern Europe to exhibit in West Berlin. She exports art to East now. A collection she put together called „Interferences: West Berlin Art 1960 – 1990“ comprising video art, photography, sculpture and painting was exhibited in Riga in May and June. She ist preparing a similar collection for St. Petersburg. This might be a symbol of opening up, of new stature, but, like everything else in this weird town, nothing is clear:

           „I’m not sure Berlin is ready to become a capital. We used to have two hearts, Alexanderplatz and Kurfürstendamm. Now we need one heart. Everybody agrees this must be Potsdamer Platz. But what it will become nobody knows. What we do know ist that the level of discussion is very low. We all feel very much ashamed about it. Mercedes and all the other big corporate names I needn’t mention want the politicians to act in their interests. This is a well-known truth, we shouldn’t try to hide it. [...] Barbara Straka concludes: „For too long we were isolated, there was no international exchange. It was a nice quiet life in the shadow of the Wall. Now that the good times are gone, Berlin has forgotten how to be confident. We have to start again from the beginning. We are no longer isolated, everybody ist looking at Berlin. And Berlin is blushing.“



Nicola Kuhn 

Tohuwabohu vor dem Countdown. Die Ausstellungsmacherin und Autorin Barbara Straka

In: Der Tagesspiegel (Berlin), 12.12.1991


Fast ununterbrochen klingelt das Telefon: hier fehlt ein Leihschein, da hat noch jemand eine Frage. Der Hörer muss schon neben der Gabel liegen, will man mit Barbara Straka in Ruhe ein Gespräch führen. Wie im Taubenschlag geht es in ihrem Büro in der Potsdamer Straße zu. Das übliche Tohuwabohu kurz vor einer Ausstellungseröffnung, nur dass sie diesmal nicht in Berlin, sondern rund 1000 Kilometer entfernt in Richtung Osten stattfindet. Aber auch das kann die Leiterin des Ausstellungsprojektes „Interferenzen“ nicht aus der Fassung bringen. Schließlich wurde Riga als erste und eigentliche Station dieser bislang größten Ausstellung Berliner Kunst erfolgreich absolviert. Nur die letzte Woche, bevor es in den Flieger nach St. Petersburg zur zweiten Ausstellungsstation geht, da ist wirklich kein Interviewtermin mehr unterzubringen. Treffen wir uns also kurz vor dem Countdown; das wichtigste muss ohnehin in den letzten Monaten minutiöser Vorbereitung geschafft sein. Drei Jahre Vorarbeit stecken hinter dem gewaltigen Projekt der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK), die damit ein Resümee West-Berliner Kunst von den Sechzigern bis zum Mauerfall geht. Auslöser war eine Einladung der Präsidentin des lettischen Künstlerverbandes, die mit einer umfassenden Präsentation westlicher Positionen der letzten dreißig Jahre den Landsleuten Anschlussmöglichkeiten aufzeigen wollte. 

          Eine auf Barbara Straka zugeschnittene Aufgabe. Die gebürtige Berlinerin ist eine Kennerin der Szene und gehört seit den frühen siebziger Jahren zu den Akteuren der NGBK. In der Zeit entwickelte sie ihren eigenen Begriff von Kunst: nicht „L’art pour l’art“, sondern erkenntnisorientierte Auseinandersetzung. Automatisch landete sie bei den Kritischen Realisten und damit auch beim RealismusStudio der NGBK. Mit einem gewissen Stolz zählt sie die inzwischen namhaften Künstler auf, mit denen das RealismusStudio damals erste Ausstellungen gemacht hatte: Salomé, Kippenberger, Haacke, Banana, Tannert und Astrid Klein. Wie an einen gelungenen Streich erinnert sie sich an den Ausstellungstitel von Büttner und Oehlen aus dem Jahre 1982: „Rechts blinken, links abbiegen“.

          Die Zeiten der programmatischen Ausstellungen und politischen Bekenntnisse waren zwar bald vorüber, aber das Wissen um die Möglichkeiten und Aufgaben von Kunst war umso mehr geschärft. Als Ausstellungsmacherin und Autorin hatte sich Barbara Straka in den zwölf Jahren bei der NGBK längst profiliert, die Berufung zur Organisatorin des Skulpturenboulevards anlässlich der 750-Jahr-Feier (Berlins, B.S.) 1987 kam also nicht von ungefähr. Dabei standen die Anfänge unter keinem günstigen Stern. Die Teilnehmer waren längst ausgewählt (von einer Jury, B.S.), hinter der Liste prominenter Namen „steckte vor allem der Repräsentationsanspruch des Senats, der auf dem Mittelstreifen des Ku’damms Skulpturen wie auf einer Perlenkette zeigen wollte“. Mit kritischem Kunstbegriff oder sozialer Plastik war da kaum noch zu kommen. Barbara Strakas Bilanz fällt dennoch positiv aus. Immerhin sei eine große öffentliche Diskussion über den demokratischen Anspruch von Kunst in Gang gekommen, und man habe die weniger erfreuliche Erkenntnis gewonnen, dass im öffentlichen Bewusstsein ein „absolut zurückgebliebener Kunstbegriff“ vorherrsche, höchste Zeit also für Aufklärung, zumindest in den Schulen. 

          Wenn Barbara Straka von sich erzählen soll, spricht sie automatisch von der Kunst und den nächsten Projekten. Berufliches und Privates ist durch die vielen Kontakte ohnehin untrennbar miteinander verwoben; der Ehrgeiz, „an Fronten zu arbeiten, die noch nicht erkundet sind“, fügt ein weitere hinzu. Sie selbst erklärt diese permanente Herausforderung mit ihrer Stier-Natur – immer mit dem Kopf durch die Wand“. Die Grenze zu Lettland war auch so eine Wand. „Ich wollte der westlichen Kunstkritik zeigen, dass dort kein blinder Fleck ist, dass dort Teile Europas aus der gemeinsamen Kunstgeschichte ausgeblendet werden.“ Gemeinsam mit der NGBK holte sie deshalb 1988 insgesamt 23 Künstler aus Riga zu einer Ausstellung nach Berlin (Riga – Lettische Avantgarde, B.S.). „Interferenzen“ ist die Erwiderung der berliner auf die damalige Begegnung. 

          Für die Kunstwissenschaftlerin ergab sich zwischenzeitlich noch eine weitere Konsequenz aus dem damaligen Projekt. Denn was sollte aus den Beziehungen zu den lettischen Künstlern werden, nachdem die Berliner Ausstellung zu Ende war? Gemeinsam mit zwei Partnern gründete sie im Sommer 1989 die Interart GmbH zur Vermittlung von Kontakten mit westlichen Ausstellungsmachern. Die angemieteten Räume in der Potsdamer Straße wurden mehr und mehr zu einem Treffpunkt zwischen Ost und West; Künstler wie die Russin Marija Serebrjakoba, die bei der kommenden documenta zu sehen sein wird, stellten hier erstmals aus. Diese Seite des Geschäftes machte Spaß, die kommerzielle allerdings weniger und Interart verschwand nach anderthalb (zweieinhalb, B.S.) Jahren wieder. Die Drehscheibe im Großen war ohnehin in Gang gesetzt. 

           Bliebe nur noch „Interferenzen“. Aber da ist auch schon das nächste Ausstellungsprojekt in Vorbereitung: die Rauma-Biennale im östlichen Teil Finnlands, wo seit Beginn der achtziger Jahre die Anliegerstaaten der Ostsee eine eigene Biennale veranstalten, um ein Zusammengehörigkeitsgefühl unter den nordeuropäischen Ländern zu prägen. Barbara Straka ist eingeladen, die Biennale 1992 zu gestalten. Die teilnehmenden Künstler hat sie bereits ausgesucht und ihnen die Themen gestellt: Autonomiebestrebungen, Nationalbewusstsein und Neokonservativismus. Keine geringe Aufgabe, aber dafür hätte man sich diese Frau auch nicht aussuchen dürfen.



Nicola Kuhn

Kunst als humanitäre Hilfe. Zu Gast aus Berlin: die Ausstellung „Interferenzen“ in St. Petersburg

In: Der Tagesspiegel (Berlin), 27.12.1991


[...] Die Petersburger haben die Botschaft von „Interferenzen“ längst für sich übersetzt. In einer Stadt, in der in den letzten Jahrzehnten nichts so sehr gelitten hat wie die Kultur, erhält eine solche Ausstellung die Bedeutung von „humanitärer Hilfe“. Der Vergleich stammt von Tatjana Jurieva, der Leiterin des Kunstzentrums Djagilev, das als Vertragspartner der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK) aufgetreten ist und für die Ausstellungsmöglichkeiten in der „Manege“ und im nahe der Eremitage gelegenen Marmorpalast gesorgt hatte. [...] Beeindruckend wirkten dabei die Offenheit und Aufnahmebereitschaft der Besucher auch gegenüber sehr schwer zugänglichen Arbeiten. Dahinter steckt das ungeheure Potential an Nachholbedarf vor allem unter Petersburger Künstlern, aber auch der Wunsch, wieder teilzuhaben an einer Auseinandersetzung auf internationaler Ebene. 

          Ihren Titel erhielt die Ausstellung aus dem Bereich der Physik. Interferenz bezeichnet das Zusammentreffen zweier Wellen, die einander addieren, um neue Wellenzüge zu bilden. Zugleich ist dies eine Metapher für die verschiedenen Kunstströmungen Berlins, die während des Inseldaseins der Stadt deutlicher sichtbar als anderswo zusammenprallten, sich abstießen und mischten. Die Abgeschlossenheit hinter der Mauer war ebenso Chance wie Verhängnis für die Kunst, besonderer Nährboden wie erstickende Enge. „Interferenzen“ versteht sich also als Schlussstrich unter eine Phase der Isolation; repräsentativ zeigt die Ausstellung, was möglich war, was an diesem besonderen Ort nicht hochkommen konnte, was heute die Perspektiven sind. Interferenz im übertragenen Sinne erhofft man sich aber auch in der Begegnung zwischen Ost und West. Ebenso wie Berlin als geschlossener Kunstraum sein Ende gefunden hat, hat auch die Abgeschiedenheit Russlands aufgehört. Zwei Kunstlandschaften können wie Wellen aufeinanderstoßen und etwas Neues entstehen lassen, „Interferenzen“ ist dazu der ins Wasser geworfene Stein, der sie erzeugt.



1992

Peter Herbstreuth

Alles ist möglich. Improvisieren hat man trainiert / „37 Räume“ in der Auguststraße

In: Der Tagesspiegel (Berlin), 16.6.1992


[...] Die Organisatoren von „Kunstwerke“ wissen, dass ihre Anwesenheit begrenzt ist. Man richtet sich im Provisorischen ein und handelt virtuos im Vorläufigen. Improvisieren hat man in Berlin 40 Jahre trainiert. Entsprechend ist die Initiative „37 Räume“ ein authentisches Berlin-Ereignis, wo jeder nach seiner Fasson aktiv werden darf. Man kommt ohne Leitidee aus, lässt jeden das Seine tun. [...] Gegenüber hat Barbara Straka ein Vermittlungsbüro („Projektbüro Osteuropa“ war der Titel, B.S.) eingerichtet und Kuratorinnen aus dem Baltikum und Russland eingeladen, die Konzepte, Ausstellungen, Informationen anbieten. Frau Straka war immer praxisbezogen. Bei einer Kuratoren-Initiative tut sie das Naheliegende. Sie stellt ihre Arbeit vor, indem sie weiterarbeitet. Sonst jedoch dominiert entlang der Straßenflucht der Stadtraum selbst. Weniges kommt dagegen an. Deshalb sind jene Räume am einprägsamsten, wo die Kuratoren mit fast nichts intelligente Eingriffe vornahmen oder vornehmen ließen. [...] Wer Zeitverläufe in die Arbeit miteinbezieht, trifft die Situation. Veränderung selbst gewinnt Bedeutung. [...]



Maren Deicke

Barbara Straka – Anwältin einer engagierten Kunst

In: Art 5/1992, S. 77


Eigentlich wollte der Berliner Senat in der guten Stube, auf dem Kurfürstendamm, Süßes servieren. Sie tischte Saures auf und bekam Zoff: Barbara Straka, 37, freie Ausstellungsmacherin in Berlin. „Lieblos, einfallslos und belanglos“ nennt sie noch heute das ursprüngliche Konzept der Kulturbehörde für den „Skulpturenboulevard“ auf dem Kurfürstendamm. Hochsubventionierte Provinzialität war das für sie – alle 500 Meter Beliebiges zum Abklappern und Ablichten im Vorübergehen.

          Aber die Planer kamen nicht zurande. [...] Zusammen mit den Künstlern ließ sie (B.S.) Kunsträume entstehen in Beziehung zu Architektur und Stadthistorie – und entfachte einen Sturm der Entrüstung. Das 1,6 Millionen-Mark-Projekt brachte ihr üble Beschimpfungen und sogar Morddrohungen ein. 

          Angst ist geblieben, und dennoch findet sie: „Es war wichtig und richtig platziert.“ Vor allem mit Olaf Metzels Installation „13.4.1981“ gegenüber dem Café Kranzler – hochaufgetürmte Absperrgitter, gekrönt von einem Einkaufswagen – kann sie sich noch heute identifizieren. Denn ganz in der Nähe, am Tauentzien, hatten sich 1968 die Studenten-Demonstrationen formiert, und der Kurfürstendamm wurde immer wieder für jemanden und gegen viele abgesperrt. Also hatte Metzels rot-weißes Gitterwerk hier auch den richtigen Platz.

          An dem geschmähten Objekt stellte sich Barbra Straka der „Groschen-Meinung“ und beobachtete, wie das Schandstück allmählich angenommen wurde. Kinder turnten ohne TÜV-Erlaubnis auf dem Gerüst, Volkszählungsgegner verteilten aus dem Einkaufswagen Flugblätter, Rentner saßen auf den Betonpfeilern, Rollstuhlfahrer benutzten die Stangen für ihre Oberkörpergymnastik. Das mag Barbara Straka nicht Stadt-Idylle nennen, für sie ist das „Akzeptanz von Kunst in öffentlichen Räumen“ – darüber reden und damit leben, von der Provokation zur Kunst ohne Berührungsangst.

          Während ihres Studiums an der pädagogischen Hochschule war sie in die kulturpolitische Diskussion der Nach-68er geraten: „Kann Kunst Gesellschaft verändern?“ Barbara Straka entschied sich gegen die Grund- und Hauptschule und fing 1973 an, im „RealismusStudio“ der Neuen Gesellschaft für bildende Kunst (NGBK) zu arbeiten. Nebenbei begann sie ein Zweitstudium an der Freien Universität, Hauptfach Kunstgeschichte. Rund 50 Ausstellungen hat sie seit Ende der siebziger Jahre mit- und später allein organisiert. Und der 68er Forderung ist sie treu geblieben: „Kunst ohne sozialen und politischen Hintergrund“, sagt Barbara Straka, „gibt es nicht.“ Sie glaubt nicht an Inspiration im luftleeren Raum. Realistin sei sie, vom Bauch hält sie nichts und nichts von Nabelschau – eine kühle Blonde, für die Alfred Hitchcock vielleicht ein Filmscript geschrieben hätte. 

          Mit Ausstellungen, die sie freiberuflich für die NGBK organisiert, will sie nie etwas zukleistern, nicht „ein Bild über einen Wasserfleck auf der Tapete hängen“. Wachmachen will sie die Leute. „Lettische Avantgarde“ hat sie nach Deutschland geholt [...]. Zeitversetzte Kunst war das, die man mit westlichem Kunstverständnis sicher Jahre zurückdatieren könne. Aber für sie war es der künstlerische Aufbruch im politischen Umbruch. Den Letten präsentierte sie „Interferenzen“, Kunst aus West-Berlin von 1960 bis 1990. Sie versucht, Berlins alte Mittlerrolle zwischen Ost und West wiederzubeleben. [...]

          Kann Kunst Gesellschaft verändern? Kann Kunst in öffentlichen Räumen nicht nur provozieren, sondern nachhaltig zum Nachdenken, Mitdenken, Umdenken anregen? Olaf Metzels rot-weiße Gitter-Installation liegt irgendwo abgewrackt unter einer Berliner Autobahnbrücke. Das macht Barbara Straka wütend.



Marie-Luise Blatter

Die aktuelle Kunstszene im Baltikum

In: Basler Magazin Nr. 50, 19.12.1992


Meine Vorkenntnisse über aktuelle Kunst in Estland, Lettland und Litauen basierten bei meiner Baltikum-Reise im Herbst 92 auf zwei Katalogen aus Berlin. Die Neue Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK) hatte dort 1988 die Ausstellung „Lettische Avantgarde“ veranstaltet, in der zwei Dutzend Künstler vorgestellt wurden. [...] Barbara Straka von der Ausstellungsleitung in Berlin schrieb im Katalog, unser Informationsdefizit sei nicht allein auf die Schwierigkeiten des Kulturaustauschs mit der UdSSR zurückzuführen, sondern vor allem auf „Klischeevorstellungen gegenüber aktueller Kunst aus sozialistischen Ländern. Diese Haltungen, die ein schiefes und anachronistisches Bild zeichnen“, seien „auch von der Arroganz und dem Omnipotenzanspruch des westlichen Kunstmanagements getragen, das ... mit Ausblendungen arbeitet, um sich die Vorherrschaft des eigenen Blickwinkels und Qualitätsmaßstabes im Weltmaßstab zu sichern.“ Daran hat sich seither nicht sehr viel geändert. So haben auch Jan Hoet und seine Mitarbeiter für die documenta 92 erst gar nicht in Riga vorbeigeschaut. [...] 

          Mein Sammeln von Eindrücken, Informationen und Katalogen zur baltischen Kunst zeigte mir, dass zumindest bei den nahen und weiteren Nachbarn der Balten einige bemüht sind, das Wissensdefizit abzubauen, von dem Barbara Straka 1988 geschrieben hat. 

           Wie aber läuft der Informationsfluss umgekehrt, von Westen nach Osten? Auch hier sind dieselben Menschen aktiv. In Riga fand z.B. 1991 die Ausstellung „Interferenzen“ über die letzten 30 Jahre Kunst in West-Berlin statt; Konzept auf Berliner Seite: Barbara Straka. Arbeiten von über 150 Künstlern wurden dabei präsentiert. [...]



1993


Anna Mohal

Berlin, um Himmels Willen, Berlin

In: atelier 2/1993


[...] Zu Mauerzeiten genügte es, eine Handvoll Adressen zu wissen. Bei der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK) und im Künstlerhaus Bethanien bekam man die Jungen zu sehen, beim daad die internationalen Stipendiaten. Heute existieren theoretisch über 350 Kunstorte, deren Kurse steigen und fallen, als ob sie an der Börse gehandelt würden. [...] Die NGBK befindet sich jetzt um die Ecke von Bethanien, in der Kreuzberger Oranienstraße. Barbara Straka gibt ihre Abschiedsvorstellung mit Katharina Karrenbergs „Standbein rechts, Spielarm links“. Absurde Texte auf Buchschobern – ein Kondensat aus Behördendeutsch, Zeitungsschreibe, Wissenschaftsjargon – verraten trotz (oder gerade wegen) der streng-spröden minimalistischen Reihung ein vehementes sozial-politisches Engagement. 



1994


Peter Herbstreuth

Mit Kunst Fragen stellen. Die Berliner Ausstellungsmacherin Barbara Straka als neue Leiterin des Hauses am Waldsee

In: Der Tagesspiegel, 7.10.1994


[...] Mit Genugtuung gab der seit 1964 amtierende Thomas Kempas die Neuberufung bei seinem Abschiedsempfang bekannt. Barbara Strakas Reputation hatte durch eine fast zwanzigjährige Ausstellungstätigkeit parteiübergreifenden Konsens gefunden. Zu ihren Erfolgen gehört der „Skulpturenboulevard“. West-Berliner wurden auf dem Kurfürstendamm mit Skulpturen konfrontiert, die die Mehrheit nicht als Kunst akzeptieren wollte. Unversehens hatte Barbara Straka den Finger in eine Wunde gelegt. Der Aufschrei von „Volkes Stimme“ war überregional hörbar, und der Ruf Berlins als weltoffene Kunststadt auf Jahre hinaus ruiniert. „Das Publikum muss auch erzogen werden“, meint Barbara Straka rückblickend. „Aber wenn es nichts zu sehen bekommt, dann kann es auch nichts wissen.“

          Eine der Institutionen, die sie seit Mitte der siebziger Jahre mitprägen konnte, war das „RealismusStudio“ der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst. „Berlin bekannte sich mit dem ‚kritischen Realismus’ zu einer Art sozialer Reibungsfläche und brachte eine Kunst hervor, die die Hässlichkeit zeigte und den Blick auf den Menschen richtete. Aber das ‚RealismusStudio’ stellte darüber hinaus immer Künstler aus, die auf der Suche nach neuen Formen waren und eine kritische Haltung gegenüber gesellschaftlicher Realität für sich in Anspruch nahmen.“

          So eindeutig sich Barbara Straka zu dieser Zeit im ‚RealismusStudio’ bekennt, so eindeutig räumt sie ein, dass sich jetzt die Bedingungen geändert hätten, obgleich ihre prinzipiellen Fragestellungen konstant geblieben seien. Deshalb möchte sie die Devise „Innovation in der Tradition“, mit der sie ihre erste feste Stellung antritt, ebenso auf den eigenen Werdegang wie auf die Chronik der Ausstellungen des Haus am Waldsee bezogen sehen. „Es ist ein nahtloser Übergang. Die Struktur der Ausstellungen im Haus am Waldsee entspricht der Struktur von Ausstellungen, die auch ich gemacht habe. Und es gab Ansätze zu einer Didaktik, die mir gefallen haben.“ Wer das Haus am Waldsee wegen seiner generationsübergreifenden Vielfalt schätzte, wird damit wohl weiterhin rechnen können. [...] „Mir geht es weiterhin um eine gesellschaftlich orientierte Kunst und um einen Kunstbegriff, der sich nicht esoterisch von den anderen Lebensbereichen abgrenzt. Ich bin kein Vertreter einer l’art pour l’art, sondern frage immer, was Kunst heute zu sagen hat. Welche Fragen stellt sie? Welche Antworten kann sie geben?“

          Barbara Straka wird mit Ausstellungen Fragen stellen und durch kontinuierliche Führungen im Haus auch selbst für die Vermittlung eintreten. „Das erste Projekt, das ich im Januar einbringe, heißt ‚Selbstidentifikation – Positionen St. Petersburger Kunst.’ Es geht um die Aufarbeitung einer lokalen Kunstszene in all ihren Kontexten. 

          In ihren Kontakten zu osteuropäischen Ländern wirkt dieser Horizont auch auf ihre Ziele zurück. „Meine umfassende Idee, warum ich das überhaupt mache, ist natürlich mit der Idee von einem Europa der Regionen verbunden. Denn ich fand es unerträglich, dass die europäischen Kunstentwicklungen auseinander gefallen sind. Erst mit der Perestroika-Politik hat etwas anderes begonnen, und dies möchte ich vermitteln: in einer vielfältigen, regional unterschiedlichen Kultur in Europa nach dem Gemeinsamen fragen.“



Fliegender Stabwechsel im Haus am Waldsee – „Innovation in der Tradition“

In: Lokalanzeiger Zehlendorf Nr. 38, 13.10.1994


Das „Haus am Waldsee“ und das Kunstamt Zehlendorf haben eine neue Leiterin: Barbara Straka, 40 Jahre, vormals freiberufliche Ausstellungskuratorin und Publizistin aus Berlin. [...] Mit Barbara Straka wurde aus 116 Bewerbern und Bewerberinnen eine Persönlichkeit ausgewählt, die sich in den vergangenen Jahren vor allem als Ausstellungsmacherin einen Namen gemacht hat. Einem breiteren Publikum wurde sie bekannt, als sie 1987 den heftig diskutierten Skulpturenboulevard organisierte. 

           „Wenn mich eine Institution in Berlin interessiert hat, dann dieses Haus“, meinte Frau Straka. Dabei will sie mit der bisherigen Ausstellungsarbeit des Hauses am Waldsee nicht „Tabula rasa machen“, wie sie betonte, sondern den Ansatz weiterverfolgen, Trends und Entwicklungen der modernen Kunst vorzustellen. „Innovation innerhalb der Tradition“ soll ihre zukünftige Tätigkeit sein. 



Eva Stern

Große Pläne für das Waldsee-Haus. Neue Leiterin will zeitgenössische Kunst zeigen

In: Berliner Zeitung, 17.10.1994


Die neue Leiterin des Kunstamtes, Barbara Straka, stellte kürzlich ihre Pläne für das Haus am Waldsee in der Argentinischen Allee 30 vor. [...] 

           Barbara Straka hat sich schon während ihrer Studienzeit in den 70 er Jahren oft hierhergezogen gefühlt. In den fast 30 Jahren unter der Leitung von Thomas Kempas wurde das Haus als ein Forum für die Kunst der Gegenwart im In- und Ausland bekannt. [...] Seine Nachfolgerin ist „glücklich, das Haus mit diesem Anspruch weiterführen zu können.“ Die gebürtige Berlinerin hat als freiberufliche Ausstellungskuratorin nicht nur in ihrer Heimatstadt Erfahrungen gesammelt. Die Kunsthistorikerin begleitete die Ausstellung „Interferenzen - Kunst aus Westberlin 1960 - 1990“ nach Riga und St. Petersburg. Dort knüpfte sie fruchtbare Verbindungen zu den Künstlern. [...] Anfang Februar 1995 kommt die Präsentation „Selbstidentifikation – Positionen St. Petersburger Kunst von 1970 bis heute“ nach Zehlendorf. 

          Eine vielversprechende Kooperation mit dem Land Schleswig-Holstein ergab sich im Rahmen des groß angelegten Projekts „Ars Baltica“ im letzten Jahr. Ebenso wie ihr Vorgänger will die neue Leiterin die Zusammenarbeit mit auswärtigen Institutionen nutzen, um die engen finanziellen Grenzen eines Hauses mittlerer Größe zu überschreiten. Außerdem will Barbara Straka die verschiedenen Ausstellungen durch Künstlergespräche ergänzen. 



Marius Babias
Memento: Kunst - Geschichte - Gedenken, in: Kunstforum international, Bd. 131, 1995 (Thema: Ende der Malerei und Malerei nach dem Ende der Malerei)

Das Mikrofon wird aufgebaut, die Festredner treten vor, das Publikum verstummt und lauscht. Man kennt das Zeremoniell: Begrüßung, Danksagung und - da es um das komplizierte Verhältnis zwischen Kunst und Geschichte geht - salbungsvolle Einführung in die Materie. Diesmal ist es ganz anders. Barbara Straka, die neue Leiterin des Hauses am Waldsee und zugleich Kuratorin der zuvor in der Galerie der Hauptstadt Prag gezeigten Ausstellung, ist gleich zweimal anwesend und spricht stereo: real vor uns stehend und dann noch lebensgroß auf einem Foto, das zu ihrem Rücken hängt. Dieses Foto entstand 1991 anlässlich der Ausstellungseröffnung "Interferenzen" in St. Petersburg und zeigt die damals aus Berlin angereisten Festredner. Straka, Roloff-Momin, Momper u.a. posieren vor der "Tätergedenkstätte", einer ebenso formal schlichten wie politisch brisanten Banderole. Sorgte diese Arbeit schon damals für Irritationen, weil sie in einer chiastischen Umklammerung scheinbar der Täter und nicht der Opfer des Nationalsozialismus gedachte, treibt jetzt derselbe Künstler - Thomas Kunzmann - die ritualisierte Entleerung der Gedenkkultur derart auf die Spitze, dass uns die Krokodilstränen kommen: ein hervorragendes Beispiel für "Kontextualismus", für das Ent-zwiebeln von Ästhetik und Politik. [...]
          Nach "Memento" wissen wir, dass es möglicherweise noch einen dritten Weg gibt, denn statt den Finger moralisch zu heben, legen ihn die 17 in Berlin lebenden Künstler/innen direkt in die Wunde, mit Arbeiten, die auch ästhetischen Maßgaben standhalten. Damit hatten wir wirklich nicht gerechnet: dass es der Kunst gelingen könnte, über ihren immer blasser gewordenen Schatten zu springen und den stets hinausposaunten, aber selten verwirklichten Anspruch auf politische Einmischung, Trauerarbeit und gesellschaftliche Mitwirkung auszuformulieren. [...] "Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden", zitiert Straka im Katalog den Philosophen Kierkegaard. Das Jetzt wird auf der Grundlage des Gestern definiert, und wer in der Vergangenheit die Macht haben wollte, musste die Macht der Bilder beherrschen. [...] Die Medienindustrie heute verwertet die Bilder zu Tierfutter. Vor den Fernsehgeräten und Computermonitoren sitzend, gibt es da nichts mehr zu korrigieren, sondern nur noch zu konsumieren. Manchmal, wie in "Memento", gelingt das Löschen des Datenmülls auf der Festplatte und das Uploaden der Kunst in den visuellen Hauptspeicher der Geschichte. 

Rezeption 1980 – 1988


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